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Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2011 in der Kategorie "Beste Reportage".
Ein Konferenzraum im
Roten Rathaus zu Berlin: der für Konferenzräume übliche große
Glastisch, auf dem eine Thermoskanne mit Kaffee steht. Seit zehn
Jahren ist er Regierender Bürgermeister von Berlin, am 18.
September stellt er sich erneut zur Wahl zum Abgeordnetenhaus. Im
direkten Vergleich braucht er auch diesmal keinen Konkurrenten zu
fürchten, die Berliner Grünen und ihre Kandidatin Renate Künast
liegen in diesen Wochen allerdings vor der Berliner SPD. Er ist groß
und breit. Wowi, der mit dem Teddybär-Gesicht. Bekannt und beliebt
geworden ist dieser Politiker mit gleich zwei grandiosen Sprüchen,
seinem Coming-out (»Ich bin schwul, und das ist auch gut so«) und
einer Gleichung, die längst ein Klassiker ist (»Berlin ist arm,
aber sexy«). Es gibt – aufs Angenehmste – kein echt brisantes
oder zwingendes Thema mit ihm zu besprechen; aber man kann mit ihm,
dem Kommunikationsprofi, dem Talkshow- Gestählten, der alten
Plaudertasche, natürlich über praktisch alles sprechen, ohne dass
es langweilig wird, von Integrationsproblemen in Neukölln bis zur
Wahl der richtigen Partycracker. Er faltet die Hände. Er setzt ein
demonstrativ staatstragendes und prophylaktisch genervtes Gesicht auf
– das mit dem Plaudern soll nicht ganz so einfach werden. Egal, wie
ernst dieses Gesicht guckt, die Wowi-Äuglein amüsieren sich schon
mal.
1. Sekt oder Selters?
Selters.
2. Currywurst oder
Austern?
Currywurst.
3. Ku’damm oder
Friedrichstraße?
Ku’damm.
4. Udo Walz oder
Marlene Dietrich?
Marlene Dietrich.
5. Schnurrbart oder
Vollbart?
Vollbart.
6. Rot-Rot oder
Rot-Grün?
Rot-Rot.
Das Gespräch hat
bis hierher exakt sechs Sekunden gedauert, je eine Sekunde pro Frage
und Antwort. Er zögert null. Wir operieren hier in den oberen
Etagen des Politprofi-Smalltalkertums: Das kann was werden. Seine
gefalteten Hände. Wowereits Daumen drehen sich.
7. Fukushima,
Nato-Einsatz in Libyen, FDP-Erosion, die Grünen auf der Suche nach
einem Kanzlerkandidaten – können Sie sich an Wochen erinnern, in
denen es in der Politik so rundging?
Richtig ist: Die
Zeiten sind unruhig. Politik ist insgesamt schnelllebig geworden.
Wenn sich Naturkatastrophen wie die in Japan ereignen mit den daraus
folgenden politischen Entscheidungen, dann ist jede programmatische
Planung über den Haufen geworfen.
8. Rückblick auf
einen Schlüsselmoment: Als die Bundeswehrkapelle beim Abschied für
Guttenberg »Smoke on the Water« spielte – war das der Moment, in
dem die Republik, wie wir sie kannten, sich verabschiedete und etwas
irres Neues losging?
Ich würde es nicht
so dramatisch ausdrücken. Es war kein Anfang. Es war der Abgesang
eines gescheiterten Ministers.
9. Ist die FDP noch
zu retten?
Es ist nicht meine
Aufgabe, mir Gedanken zu machen, ob die FDP sich rettet oder
verändert. Sie soll so bleiben, wie sie ist.
10. Ist die SPD noch
zu retten?
Die SPD muss nicht
gerettet werden. Die SPD ist eine starke Kraft.
11. Spinnt der
Innenminister Friedrich?
Er hat einen ganz
schlechten Start gehabt. Er sollte endlich anfangen, sich mit den
Realitäten zu befassen.
12. Kapieren Sie
Westerwelle?
Es ist eine objektiv
richtige Wahrnehmung, dass diese Bundespolitik es nicht versteht, den
Deutschen in wesentlichen Politikfragen eine Orientierung zu geben.
13. Mit welchen
Worten trösten Sie den SPD-Chef Gabriel?
Der
SPD-Chef muss nicht getröstet werden. Er hat viele Ideen. Die
werden umgesetzt.
14. Mal ehrlich,
kennen Sie einen deprimierenderen Verein als die SPD?
Ich kenne Vereine, bei
denen ich eine Depression bekommen würde. Die SPD gehört nicht
dazu.
15. Ist das
theoretisch auch denkbar, dass eine ganze Partei hinwirft und sagt,
sie hat keinen Bock mehr?
Wie gesagt: Die SPD
ist programmatisch gut aufgestellt. Und sie wird kämpfen.
16. Ein Gag oder die
Wahrheit, dass Andrea Ypsilanti ihr Comeback plant?
Andrea Ypsilanti ist
Politikerin der SPD, deshalb braucht sie kein Comeback. Ansonsten ist
seit geraumer Zeit Thorsten Schäfer-Gümbel der Frontmann der SPD
in Hessen.
17. Wo bleiben die
jungen Frauen in der SPD?
Wie Sie an Manuela
Schwesig sehen, sind sie ganz weit vorne.
Kein Stress, keine
Regung. Sein freundliches Teddybär-Gesicht schluckt alles. Bei
Frage 15 schenkte er uns ein kleines Lächeln, nach dem Motto: »Da
haben Sie sich aber eine hübsche Formulierung ausgedacht.« In
seinen Antworten lässt er sich zu gar nichts hinreißen. Des
Politprofi-Talkers Daumen drehen ihre Runden. Wir bleiben dran. Wir
prügeln nun mit Wahlkampf-Fragen auf ihn ein.
18. Ist das egal,
welcher Teppichhändler oder Spielkasino-Betreiber aus Steglitz für
die Berliner CDU gegen Sie antritt?
Das Schöne an den
Gegenkandidaten ist, dass sie nicht vom Regierenden Bürgermeister
ausgesucht werden.
19. Ihr Verdienst,
dass das spannendste Thema im Berlin-Wahlkampf 2011 wieder Klaus
Wowereit heißt?
Das entscheidende
Thema im Wahlkampf zum Berliner Stadtparlament heißt ja nicht Klaus
Wowereit, es heißt Berlin.
20. Haben Sie
kapiert, ob die Grüne Künast lieber Bürgermeisterin oder doch
gleich Bundeskanzlerin werden möchte?
Ich habe den Eindruck,
sie will doch lieber auf der Bundesebene bleiben.
21. Grob gesagt, soll
Berlin so weiterwurschteln wie bisher?
Berlin
wurschtelt nicht, sondern konzentriert sich auf die Zukunftsaufgaben,
und dies mit Erfolg.
22. Gibt’s kein
spannenderes Wahlkampf-Thema als die langweilige Stadtautobahn A100?
Es ist ein
Grundsatzthema: Will man eine Stadt weiterentwickeln, oder will man
sie konservieren?
23. Zur viel
diskutierten Flugroute des neuen Großflughafens Schönefeld: Warum
sind Siedlungsbauten in Lichtenrade wichtiger als die Villen in
Wannsee?
Das ist ganz einfach.
Erstens gibt’s auch schöne Villen in Lichtenrade. Zweitens geht
es um die Flughöhe. Lichtenrade liegt nah an den Startbahnen, hier
befinden sich die Flugzeuge in geringen Flughöhen von nicht mal 600
Metern. In Wannsee geht es darum, wie die Anwohner dort eine
Belästigung von Fluglärm aus 2500 Meter Höhe empfinden. Das ist
ein buchstäblich himmelweiter Unterschied.
24. Traurig, dass es
in Berlin nur einen kleinen Reaktor zum Abschalten gibt?
Der wird ja nicht
abgeschaltet. Das ist ein Forschungsreaktor, und der hat deshalb ganz
andere Voraussetzungen als die Meiler, die jetzt in der Diskussion
stehen.
25. Wann haben Sie
zuletzt Ihren Freund, den sympathischen, aber viel zu weichen
Brandenburg-Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, über den Tisch
gezogen?
Es mag vielleicht so
sein, dass Platzeck nach außen weich erscheint. Aber er ist ein
knallharter Verhandler und denkt an seine Brandenburger Interessen.
Insofern lässt der sich gar nicht über den Tisch ziehen. Wenn wir
etwas verhandelt haben, dann ist das zum beiderseitigen Vorteil
gewesen.
26. Zur groben
Richtung Ihres Wahlkampfes: Wenn Sie bei der letzten Wahl zum
Berliner Abgeordnetenhaus »Kultur! Kultur!« gerufen haben, rufen
Sie jetzt »Wirtschaft! Wirtschaft!«?
Wir haben auch damals
schon »Wirtschaft! Wirtschaft!« gesagt. Kultur lebt nur, wenn die
wirtschaftliche Prosperität da ist, damit die vielen
Kultureinrichtungen finanziert werden können.
27. Macht das
eigentlich dumm, wenn man seit zehn Jahren als Kanzlerkandidat
gehandelt wird?
Spekulationen kann man
nicht verhindern. Insofern sage ich immer: Man soll sich
konzentrieren auf das, was man tut, dann hat man genug zu tun.
28. Über welche
Floskel müssen Sie als Kommunikationsprofi lauter gähnen, über
»Er ist amtsmüde« oder über »Er will es noch mal wissen«?
Puh. Schwierige Frage.
Die erste Floskel ist ja selten besser als die zweite. Da müssten
Sie mir schon eine echte Alternative anbieten.
29. Ihre Botschaft an
Berlins Busfahrer?
Guter Service.
30.Ihre Botschaft an
die Altkommunisten in Lichtenberg und Marzahn?
Kritisch über die
Vergangenheit nachdenken!
31. Wie haben Sie das
hingekriegt, dass Heinz Buschkowsky, der Neuköllner Bürgermeister,
jetzt endlich die Klappe hält?
Ich glaube nicht, dass
er sich zurücknimmt. Er hat vielleicht momentan nicht die
Aufmerksamkeit.
32. Stimmt die irre
Geschichte, dass Thilo Sarrazin mal bei Ihnen Senator war?
Das ist kein Gerücht,
das ist Realität, und er hat als Finanzsenator viel für die Stadt
getan.
33. Ihr Plädoyer
für den deutschlandweit längst totgesagten Begriff Multikulti?
Unsere Gesellschaft
ist nicht monokulturell zu verstehen. Wir unterliegen vielen
Einflüssen. Die Welt kann sich nicht abschotten, Berlin und
Deutschland haben eine multikulturelle Gesellschaft.
34. Was hat das zu
bedeuten, dass Ihr für März im Vorwärts-Buchverlag
angekündigtes Plädoyer für Integration immer noch nicht
erschienen ist?
Es ist gerade ein Buch
erschienen, das ich herausgebe. Da geht es um positive Beispiele für
Integration. Das andere Buch ist ein Ergebnis der Zukunftswerkstatt
der SPD, es entsteht aus einem zweijährigen Prozess. Zum Ende des
Prozesses wird das Buch auch da sein.
Wow. Viel toter,
leerer, phrasenhafter kann der Mensch über Politik nicht reden.
Wowereit sagt auf Knopfdruck das, was der Interview-Automat Klaus
Wowereit sagen würde. Wie kommt das, dass der als großer
Unterhalter gerühmte Wowereit so nichtssagend daherredet? Sind es
die Fragen? Ist es das Amt, das aus Politikern
Leere-Phrasen-Automaten macht? Wir glauben an dieses Interview –
wenn nicht an seine Antworten, dann doch an unsere Fragen. Er guckt –
mit ernstem Gesicht und lächelnden Augen–, als wollte er sagen:
Tun Sie etwas. Holen Sie mich heraus aus meiner
Hohle-Phrasen-Existenz.
35. Was Sie da
haben: Ist das die berühmte Berliner Schnauze?
Schnauze mit Herz.
36. Ihr Mittel gegen
die endlosen Winter in Berlin?
Heiterkeit.
37. Berlin-Problem
Hundekacke?
Ist weniger geworden.
38. Im Ernst, woran
liegt das, dass in Berlin so dramatisch mehr Hundekot auf den
Gehwegen liegt als in Paris oder London?
In Paris und London
gibt es dafür weniger Bäume.
39. Haben Sie sich
das ausgedacht, dass Berlin eine freche Stadt ist?
Berlin ist frech im
allerpositivsten Sinne: Wir haben hier einen besonderen Charme, den
man erst kennenlernen muss.
40. Echt wahr, dass
bei euch da draußen in Lichtenrade Leute wohnen, die stolz darauf
sind, dass sie noch nie im Osten waren?
Das weiß ich nicht.
Das kann aber sein. Wohl nicht nur in Lichtenrade, sondern zum
Beispiel auch in Frohnau. Ein paar Ignoranten gibt es überall.
41. Zweiundzwanzig
Jahre nach der Wende: Sollten wir uns von den lieb gewordenen
Begriffen Ossi und Wessi verabschieden?
Das klingt ganz gut.
Für die Zukunft brauchen wir nun neue Begriffe für die aus dem
Norden und dem Süden.
42. Hat sich
Deutschland genug darüber gefreut, dass es die Berliner Mauer nicht
mehr gibt?
Ja. Es war allseits
eine riesengroße Freude.
Achtung! Klaus
Wowereit bewegt sich. Er bietet Kaffee an, gießt sich dann selber
eine Tasse ein. Wir wollen jetzt herausfinden, welche Rolle die
Partys in seinem anstrengenden Bürgermeisteralltag spielen.
Vielleicht wird jetzt alles gut!
43. Können Sie uns
bitte noch mal erklären, warum es wichtig ist, dass der Regierende
Bürgermeister von Berlin sich bei der Hugo-Boss-Show sehen lässt?
Ja.
Weil die kreative Industrie zu Berlin gehört. Dort Flagge zu zeigen
ist eine der vornehmsten Aufgaben des Regierenden Bürgermeisters.
44. Champagner-Fan?
Ich trinke gerne
Champagner, aber ein deutscher Jahrgangssekt ist mir genauso lieb.
45. Ihr Schlafmittel?
Erschöpfung nach
einem langen Arbeitstag.
46. Stimmt das, was
Ihre Unterstützer sagen, dass Ihnen eine Schlafzeit von drei
Stunden vollkommen ausreicht, um frisch über die Runden zu kommen?
Gott sei Dank sind es
meistens doch fünf oder sechs Stunden.
47. Das berühmte
bisschen zerknautschte Wowi-Gesicht – richtig, dass das nicht von
den vielen Partys, sondern von Ihren Allergien herrührt?
Ich habe eine
Frühblüherallergie, also Birke, Haselnuss, Erle. Es kann sein,
dass man in diesen Phasen auch mal erschöpft aussieht.
48. Wann zuletzt
durchgemacht?
Ach, durchgemacht.
Wenn es abends länger wird, dann meistens, weil ich am Schreibtisch
sitze. Ich stehe in den seltensten Fällen nachts in Lokalen herum.
49. Wie dürfen wir
uns Wowis Schreibtisch vorstellen?
Ein moderner Tisch.
Groß, schwarz, Holz, viel Platz.
50. Auswendig, wo auf
Ihrem Schreibtisch liegen die Büroklammern?
In einem Etui. In
Griffweite.
51. Ihr Mittel gegen
die berühmte 17-Uhr-Müdigkeit?
Arbeiten. Und frische
Luft. Also Fenster auf.
52. Genug gefeiert?
Wenn der Anlass
stimmt, dann sollte man auch in Zukunft feiern.
53. Eine Gemeinheit,
dass Sie den Spitznamen »Partymeister« wohl Ihr Leben lang tragen
werden?
Das
ist ein Etikett, das kriegt man nicht mehr los. Es entspricht aber
nicht der Realität.
54. Halten Sie es mit
Andy Warhols alter Partyregel »Früh aufschlagen, früh
weiterziehen«?
Nein. Ich bin kein
Termin-Hopper. Wenn ich mich für eine Party entscheide, dann bleibe
ich meistens dort.
55. Der verrückteste
Ort, an dem Sie als Bürgermeister eine Rede gehalten haben?
Ganz lustig war
zuletzt eine Grundsteinlegung, die im ersten Stock stattfand: Das war
bei der Bertelsmann-Repräsentanz in der Alten Kommandantur.
56. Auf eine Art, ist
der rote Teppich als Droge so gefährlich wie Kokain?
Der rote Teppich ist
keine Droge. Er ist ein Ritual.
57. Drei Prominente,
die bei den legendären Wowereit-Partys bei Ihnen zu Hause in der
Dachgeschosswohnung am Ku’damm nicht fehlen dürfen?
Das sind dann ja
private Partys, also bleibt die Gästeliste mein Geheimnis.
58. Ihre Erfahrung:
Finden die besten Gespräche bei Partys echt in der Küche statt?
Gegessen wird bei uns
im Esszimmer. Aber richtig, die Küche ist natürlich der Ort.
59. Wie war’s mit
Schwarzenegger?
Nice guy.
60. Ist Queen
Elizabeth komisch oder doch eine eher humorlose Person?
Sie hat mehr Humor,
als man das allgemein denkt. Wir haben viel über Stadtentwicklung
gesprochen, über das Neue Museum, über Architektur. Sie ist eine
wunderbare Lady. Der Eindruck, den man aus dem Fernsehen von ihr hat
– diese gewisse Steifheit, Humorfreiheit–, ist jedenfalls der
falsche Eindruck.
61. Was besprechen
Sie bei Ihrer nächsten Stippvisite bei Prinz Salaman von
Saudi-Arabien?
Den habe ich schon
gesprochen. Es ging um Politik, natürlich, Entwicklungen in der
arabischen Welt, Gleichberechtigung von Frauen, Investitionen in die
Zukunft.
62. Welches Detail
vom letzten Besuch bei Ihrer guten Freundin, der Filmschauspielerin
Liz Taylor ist Ihnen unvergesslich?
Da sind Sie falsch
informiert, dass wir befreundet waren. Ich habe diese große
Schauspielerin nie persönlich getroffen.
Kaffeepause ist
vorbei, die Hände kehren in die gefaltete Grundposition zurück.
Er schaut, wieder mit großem Bürgermeister-Ernst, auf seine
Armbanduhr: Wie lange geht hier noch dieses Theater? Wir aber bleiben
dabei, dass wir unsere überreizten und durchgedrehten Fragen
stellen und ihn mit unserem Übermut anzustecken versuchen. Komm
schon, Wowi!
63. Muttersöhnchen?
Nö.
64. Können Sie Ihre
Mutter Hertha noch mal in wenigen Worten hochleben lassen?
Ein wunderbarer
Mensch, der immer kämpfen musste, aber sich auch durchgesetzt hat.
65. Froh, der
Kleinbürgerhölle von Lichtenrade entkommen zu sein?
Kleinbürgertum ist
nicht lokalisierbar. Das kann in Metropolen sein und in der Provinz.
66. Die Discohymne,
die Ihr Lebensgefühl in den siebziger Jahren auf den Punkt brachte?
In der ersten
Discozeit waren die Blues-Songs besonders angesagt. Die langsamen
Sachen. Weil man da eng miteinander tanzen konnte.
67. Echt wahr, dass
Sie als junger Mensch deutsche Politiker erlebt haben, die cool
waren?
Ja. Mein großes Idol
ist Willy Brandt. Aber ich fand, beispielsweise, auch Björn Engholm
einen außergewöhnlichen Politiker.
68. Haben Sie sich
den »...und das ist auch gut so« wirklich selber ausgedacht?
Der kam beim Reden,
spontan, aus dem Bauch. Dieser Ausspruch sollte etwas erklären:
dass man sich nicht zu verstecken, nicht zu entschuldigen braucht.
Der Ausspruch kam aus dem normalen Sprachgebrauch, sehr viele
Menschen reden so. Die guten Sätze muss man selten erfinden. Sie
sind meistens schon einfach da.
69. Sie sind ja
ein Sprüche-König. Welcher Ihrer beiden unsterblichen Sprüche
ist wohl der bessere, der »arm, aber sexy« oder »...und das ist
auch gut so«?
»...und das ist auch
gut so« ist ein Ausspruch, der mir wichtig war und bis heute wichtig
ist, weil er viel für die Emanzipation getan hat.
70. Kennen Sie einen
Schwulenwitz, der leider lustig ist?
Warum soll es über
Schwule nicht auch lustige Witze geben? Es gibt ja auch Juden, die
lustige Witze über Juden erzählen. Das Entscheidende ist, wie der
Witz eingesetzt ist: ob diskriminierend oder selbstironisch gemeint.
71. Ist die
Diskriminierung heterosexueller Männer unter Schwulen ein Problem?
Es gibt natürlich
auch schwule Männer, die intolerant sind, beispielsweise gegenüber
Lesben, aber auch gegen heterosexuelle Männer. Das ist genauso zu
verurteilen wie der immer noch deutlich häufigere Fall der
Diskriminierung schwuler Männer. Wenn man für sich selber
Akzeptanz einfordert, dann sollte man mit gutem Beispiel vorangehen.
72.
Was sagen Sie zum mühsamen, aber natürlich doch interessanten
Klischee, dass in den sogenannten kreativen Berufen besonders viele
Schwule sind?
Weiß gar nicht, ob
ich mit diesem Klischee etwas anfangen kann. Vielleicht weil sie für
schöne Dinge eine besondere Affinität haben.
73. Wer backt bei
Ihnen zu Hause den Apfelkuchen?
Ich mache gerne eine
Aprikosentarte. Oder meine berühmte Charlotte Lorraine.
74. Stimmt die
Geschichte, dass Ihr Lebenspartner Jörn Ihnen morgens die Krawatte
rauslegt?
Falsch.
75. Stimmt die
Geschichte, dass Ihr Partner für Sie die Kulturteile der Zeitung
durcharbeitet und Ihnen beim Abendessen die Zusammenfassung
vorträgt?
Das ist auch falsch.
Ich bin immer derjenige, der als Erster die Zeitung liest:
frühmorgens.
76. Das Geheimnis
Ihrer dreißigjährigen Ehe?
Noch nicht dreißig,
sondern achtzehn Jahre. Auch keine Ehe, sondern eine Partnerschaft.
Bei aller Unterschiedlichkeit den anderen so akzeptieren, wie er ist.
Versuchen, ihn zu formen, aber nicht zu verformen.
77. Ist bisschen
spießig ganz schön?
Ja, jeder Mensch hat
seine konservative oder spießige Seite. Warum nicht? Es ist ja immer
die Frage, was man darunter versteht.
78. Der berühmte
Self-Rating-Test: Sie schätzen bitte Ihr Talent ein, von null
Punkten – niedriges Talent – bis zehn Punkte – maximale
Begabung. Sozialdemokrat.
Zehn.
79. John Travolta.
Der Tänzer? Sechs.
80. Weiberheld?
War früher mal mehr.
81. Bundeskanzler?
Steht nicht zur
Debatte. Also keine Punktangabe.
82. Bussibär?
Nein.
83. Gibt’s etwas
Trostloseres als einen Politiker, der keinen Bock mehr hat?
Das fragen Sie den
Falschen. Ich habe ja Bock.
84. Stimmt das
Gerücht, dass Ihnen der zurückgetretene Hamburger Bürgermeister
Ole von Beust bei einem Sonntagsbrunch auf seiner Terrasse von den
Freuden des Politiker-Rentnerlebens vorgeschwärmt hat?
Das ist ein Gerücht.
Dieses Treffen hat nie stattgefunden.
85. Ein Jammer, dass
man als Politiker mit den Jahren seinen Größenwahn verliert?
Welchen Größenwahn?
Ihre Frage setzt voraus, dass man mal einen hatte.
86. Ist das schwer,
als Regierender Bürgermeister kein Misanthrop zu werden?
Das weiß ich nicht.
Ich bin immer ein optimistischer und ein offener Mensch gewesen.
87. Welche
Illusion lassen Sie sich nicht nehmen?
Ich
nenne das Vision, nicht Illusion: Berlin wird eine sehr
prosperierende Stadt sein. In unmittelbarer Zukunft.
Sein schlaues
Lächeln. Die Daumen in den gefalteten Händen ruhen. Er hat einen
ja längst. Es war, das merkt man jetzt, wo es zu Ende geht,
natürlich ein ziemlich nettes Gespräch. Eines seiner Talente:
Dieser Politiker gibt einem ständig das Gefühl, er werde gleich
das sagen, was er wirklich denkt. Aber er sagt es dann, immer ganz
knapp, doch nicht. Renate Künast hat es nicht einfach.
88. Großfrage:
Dürft ihr Sozialdemokraten Golf spielen?
Wir dürfen. Und ich
habe aus meiner Golf-Leidenschaft nie einen Hehl gemacht.
89. Welchen Wert darf
die SPD nie verraten?
Soziale Gerechtigkeit.
90. Haben Sie nicht
mit Gerhard Schröder viel mehr gemein, als Sie hier zugeben
können?
Ich bin danach nie
gefragt worden, deshalb kann ich hier viel zugeben. Gerd Schröder
und ich haben in unseren Vitae etliche Parallelen, die uns geprägt
haben.
91. Auf eine Art,
kann man sagen, dass der Berliner Bär und Sie im Gesicht eine
Ähnlichkeit haben?
Nein.
92. Ist es wichtig,
dass der Anzug immer ein bisschen schlecht sitzt, weil das dann
volksnah wirkt?
Nein. Der Anzug sitzt
auch nicht schlecht.
93. Kuschelrock-Fan
Wowereit?
Ja. Das ist doch
schön.
94. Guttenberg hatte
»Hells Bells«. Welchen Song haben Sie?
Ich habe nicht so
einen Song. Aber einen Lieblingssong seit ewigen Zeiten: Nights in
White Satin von den Moody Blues.
95. Ein Hammer, dass
Sie schon bald sechzig werden?
Man
glaubt es ja selber kaum. Aber es ist so.
96. Was gibt’s
eigentlich dauernd zu grinsen?
Es gibt ja nicht
dauernd was zu grinsen. Aber eine bestimmte Fröhlichkeit am eigenen
Tun ist für die Umgebung nicht abträglich.
97. Seid ihr
fröhlichen Typen im Herzen nicht die Allertraurigsten?
Zur Fröhlichkeit
gehören auch immer Momente der Traurigkeit.
98. Lust, mal eine
ganze Woche lang nichts zu sagen?
Das wäre auch
schön. Es wäre manchem Anlass angemessen, wenn sich alle mal
zurücknähmen. Aber das ist in unserer heutigen
Kommunikationsgesellschaft kaum machbar.
99. Ihre persönliche
Meinung: Soll der Eisbär Knut ausgestopft werden?
Diese Frage
entscheidet nicht der Regierende Bürgermeister, sondern der
Berliner Zoo.
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